Tierretter Ruslan rettet einen Hund

Ruslan riskiert sein Leben, um Hund, Katz' und Co. aus umkämpften Gebieten im Donbas zu bringen. "Vierbeiner und Menschen leiden gleichsam unter dem Krieg", sagt er schlicht.

Druschkiwka   Der überdachte Gemüsekeller scheint ein Katzen- und Hundemagnet zu sein. In rund ein Meter Höhe liegen die gewellten Dachstücke auf dem weißen Ziegel-Mauerwerk. Ruslan hat ein kleines Päckchen mit Tierfutter darauf geleert. Jetzt wartet er geduldig. Ein schwarzes Kätzchen taucht auf. Scheu blickt es auf Ruslan. Der Geruch des Tierfutters liegt in der Luft. Das Tier stapst auf dem Dach näher und näher. Die Fleischbrocken liegen keine Armlänge von Ruslan entfernt, der Verbeiner schnüffelt schon an dem Futter. Dann zerreißt eine Explosion die Stille. Braaack.
 
Der Krieg ist in dem verlassenen Dorf, nur weniger Kilometer vom schwer umkämpften Kostjantyniwka entfernt, fast andauernd zu hören. Ein Grummeln, Explosionen in der Ferne. Doch dieses Mal kracht es schneidend und nahe. Das Kätzchen zuckt zusammen und erstarrt. Ruslan nutzt die Situation. Er greift zu. Schnell packt er das schwarze Fellknäuel am Nacken. „Alles gut, mein Kätzchen“, spricht er dem Tier Mut zu. Lässt es in die auf dem Pflaster des Hofs aufgestellte Transportbox gleiten. Dann schließt er das Gitter. Das Tier ist völlig still. Wenige Minuten später schleicht ein grau getigertes Kätzchen über die gewellten Platten heran. Dieses Mal stört keine Explosion. Doch schnell sind zwei Tiere in der Transportbox. Dann kommt ein tief schwarzer Rüde angewackelt. Er wirft ebenfalls ein Auge auf das Tierfutter. Marina lacht. Sie kennt den Nachbarhund bestens. „Du kommst auch mit“, ruft sie dem Vierbeiner zu. Marina hat Ruslan angefordert. Die Tierschutz-Organisation ARK hat eine eigene Hotline. Nun ist Ruslan da, mit seinem grauen, betagten Toyota-Transporter voller Tierkäfige. An der Seite des Wagens haben Splitter einer Drohnen-Explosion Löcher in das Blech der Karosserie gebissen.
 
Ruslan, schlank, kurze, dunkelblonde Haare, wachsamer und freundlicher Blick, trägt eine Schutzweste. Zwei Badges sind darauf angebracht: ARK steht auf dem einen, Peta auf dem anderen. ARK steht für die Tierretter-Organisation aus Charkiw, für die er im Einsatz ist: „Animal Rescue Kharkiv“. Peta, die in Deutschland ansässige Tierrechts-Organisation, ist fördernder Partner. ARK betreibt in Charkiw eine Tierklinik und zwei Tierheime. Das Team zählt laut Homepage 110 Menschen, professionelle und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Einige von ihnen riskieren dabei ihr Leben. So wie Ruslan, der bis zu vier Mal in der Woche Tiere aus der sogenannten Todeszone holt. Die erstreckt sich bis zu 25 Kilometer hinter der Frontlinie ins Hinterland. Bis dahin reicht der Artilleriebeschuss. Und vor allem die Reichweite der russischen Kamikaze-Drohnen. Mit Granaten versehen machen sie Jagd auf alles, was sich bewegt: Soldaten, Militärfahrzeuge, aber auch Großmütterchen auf Fahrrädern. Kleinbusse voller Zivilisten und Helfer erhielten schon Treffer. Um sich vor Drohnen zu schützen, hat der 43-Jährige eine Schrotflinte dabei. Die heute einer der beiden begleitenden Journalisten in die Hand gedrückt bekommt. Im Wagen liegt noch sein Schutzhelm. Der Toyota steht unter Baumkronen, halb im Gebüsch geparkt. Nicht weit entfernt ragen die Ruinen eines zerstörten Bauernhauses auf.  50 Meter weiter folgt das nächste zusammengebrochene Mauerwerk. Das Dorf steht regelmäßig unter Beschuss. „Nie auf offener Fläche parken, damit die russischen Drohnenpiloten uns nicht so leicht sehen“, erklärt Ruslan.
 
Der Vierbeiner hat ein ausgesprochen freundliches und zutrauliches Gemüt und trottet mit den Menschen mit. Dann braucht es doch noch Marina, die dem Tier mit heller, weicher Stimme zuredet, in den Käfig ins Auto zu klettern. Vier Katzen und zwei Hunde aus der Nachbarschaft werden am Ende im Transporter untergebracht sein.
 
Marina seufzt leise. „Hier kann niemand mehr bleiben. Weder Mensch noch Tier“, meint sie. „Als die Menschen geflohen sind, konnten sie oft die Tiere nicht mitnehmen. Die Tiere hatten sich wegen der Einschläge oft versteckt. Es blieb keine Zeit, noch lange zu suchen. Andere aus dem Dorf dachten, sie würden schnell wieder zurückkehren. Aber der Tod kann hier jeden Augenblick kommen“, sagt sie. Marina ist geblieben. Hat Hund und Katz' der Nachbarn mit ihrem Vater versorgt. „Jetzt sind sie gerettet. Wir können gehen. Es ist an der Zeit“, sagt sie. Marina, die so gerne lacht, wendet sich kurz ab, um ihre Tränen nicht zu zeigen.
 
Ruslan gibt Gas. Es geht zurück auf die Straße, die nach Kostjantyniwka führt. Weiße Netze ziehen sich wie Tunnels über den Asphalt. Sie sollen vor Drohnen schützen. Explosionen haben Eisenträger gebogen. Der Schutztunnel weist Löcher auf. Ruslan beschleunigt. Es geht in die Stadt Druschkiwka. Ein Ort der Stille. Kaum einer ist hier geblieben. Der Toyota rumpelt im Außenbezirk zwischen grauen und verlassenen Wohnblocks aus der Sowjetzeit. Eine Handvoll Menschen lebt hier noch. Ein kleiner Laden hat noch geöffnet. Im Viertel soll Ruslan einen kranken Hund mitnehmen. Ein Riese von Mischling, den ein Riese von Soldat pflegt. Der Mann im Tarnfleck mag so um die 60 Jahre alt sein. Er trägt seinen vierbeinigen Kameraden zum Transporter. Vorsichtig stupst er das Tier in die Box. Dann krault er ihm ein letztes Mal die Wangen. Als sich der Mann vom Wagen entfernt, zucken seine Schultern.
 
Für Ruslan geht es weiter. Nicht weit entfernt steht ein kleines bescheidenes Haus. Die Gartenlaube hat einen Treffer erhalten, die Besitzer sind geflohen. Zurück blieb der Hund. Seine Besitzer bitten den Wachhund nun mitzunehmen. Abgemagert kläfft er Ruslan an, als der der über den Zaun klettert. Die Rippenknochen zeichnen sich im rötlichen Fell des Hunds ab. Auf dem Betonboden vor dem Haus liegt verstreut sein Kot. Fress- und Trinktröge stehen leer und ausgetrocknet an der Hauswand. Das Tier nimmt Reißaus. Sein Retter verfolgt ihn bedächtigen Schrittes mit dem Blasrohr. Ein Nachbar kommt hinzu und hilft von der anderen Seite. Der Hund sitzt in der Falle. Ruslan setzt das Blasrohr an. Der Betäubungspfeil trifft. Der Hund lehnt an der Hausmauer. Wenig Minuten später fällt er um: Tiefschlaf. Ruslan hebt ihn vorsichtig auf und trägt ihn zum Wagen. Dann geht es in das Stadtzentrum. „Langsam fahren kann wegen der Drohnen tödlich enden“, erklärt der 43-Jährige mit ruhiger Stimme. Der studierte Agronom spricht deutsch. Er hat Praktika in der Bundesrepublik absolviert. Würzburg hat ihm besonders gefallen: „Eine schöne Stadt, wunderbare Dörfer“, sagt er, als er den Wagen über den Asphalt steuert.
 
„Zu Beginn der Invasion überlegte ich, zur Armee zu gehen. Aber als Bauer liebe ich Tiere. Ich habe Hunde, Katzen, Ziegen, Kühe und Schweine gerettet. Im Schnitt 400 pro Monat“, erklärt er. ARK evakuiert schon seit 2016 Tiere aus Kampfgebieten im Osten der Ukraine. „Das hat mich überzeugt“, sagt er. So sehr, dass er bei vielen Fahrten sein Leben aufs Spiel setzt.
Ruslan winkt nur ab: „Das ist selbstverständlich, wenn das eigene Land im Krieg ist. Unsere Tiere gehören zu unserer Ukraine. Der Krieg traumatisiert Mensch und Tier gleichsam. Wir alle leiden unter ihm. Tiere können in schwerer Zeit Trost spenden“, fügt er hinzu. Er bedankt sich im gleichen Atemzug: „Tierfreunde aus Deutschland unterstützen uns. Peta, aber auch andere Vereine und Gruppen. Nur durch Spenden können wir unsere Aufgabe erfüllen“, meint Ruslan.
 
Der alte Toyota-Transporter ächzt ein wenig, als er in die Kurve geht. Mitten im Herzen von Druzhivka stehen mächtige Wohnhäuser im Zuckerbäckerstil des Stalinismus. Der Krieg hat sie gezeichnet. Leere Fensterhöhlen glotzen auf den Asphalt. Das Dach ist weitgehend nach Treffern zusammengebrochen. Wo früher die Auslagen der Schaufenster zu sehen waren, verliert sich jetzt der Blick in der Dunkelheit. Der Tierretter braust über die Kreuzung. Rund 250 Meter geht es weiter. Dann kommt ein ausgebombter Supermarkt. Dahinter führt eine Rampe leicht abwärts zum Lieferanteneingang des Gebäudes. Ruslan parkt im Schatten der Mauer. Zwei ältere Damen kommen ihm entgegen. Olya, 72 Jahre, ist die Sprecherin des Duos. Die Seniorin versorgt die Straßenhunde in ihrem Umfeld. Umgerechnet keine 80 Euro Rente bezieht sie. Trotzdem kauft sie extra Hühnerfleisch, kocht damit eine Brühe, die sie mit Haferflocken versieht. Für die Hunde und Katzen füllt sie jeden Tag zwei große Schalen damit.
 Ruslan soll drei Welpen samt Hunde-Mama mitnehmen, wünscht sie. Die Welpen machen einen schlappen Einruck. Unter dem Vordach des Supermarkts hat Olya mit einer Decke ein Lager für die Hundefamilie aufgebaut. Die Welpen bekommen viele Steicheleinheiten von Olya und ihrer Freundin Valeriya. „Wir haben die Kleinen in unser Herz geschlossen. Aber sie sind krank. Sie können hier doch nicht bleiben“, schüttelt Valeriya traurig den Kopf. „Macht euch keine Sorgen, wir kümmern uns“, sagt Ruslan. Er nimmt sein Blasrohr mit dem Betäubungspfeil. Die Hündin ist wegen ihrer Jungen zu aufgeregt, um freiwillig zum Wagen zu kommen. Olya lockt das Muttertier an, dann fliegt der Pfeil. Als Ruslan Welpen und Hündin in die Boxen legt, weint Valeriya. „Die Kleinen werden mir fehlen, hoffentlich finden sie einen guten Menschen“, sagt sie schluchzend. Dann machen sich die beiden Damen auf den Heimweg. Vorbei an dem ausgebrannten Autowrack und halbzerstörten Häusern. In der Ferne wummert die Artillerie. „Wir haben niemanden, zu dem wir können“, sagt Valeriya. Olya nickt: „Wir sind hier geboren und aufgewachsen. Wir bleiben, so lange es irgendwie geht“, sagt sie mit fester Stimme. Und es gibt so viel mehr Hunde und Katzen, als Ruslan retten könnte. Die Tiere sind für den Brei der beiden alten Damen dankbar. Ruslan fährt weiter. Über 20 Tiere hat er heute "eingesammelt". Auf seinem Smartphone sind auf einer digitalen Karte viele, viele hellblaue Punkte zu sehen. Jeder Punkt steht für Tiere, die gerettet werden müssen. 

Ein Soldat bittet Ruslan, einen kranken Hund mitzunehmen

Der Autor:
Till Mayer gilt als einer der "dienstältesten" deutschen Berichterstatter über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Den Krieg im Osten der Ukraine dokumentiert der (Foto-)Journalist Till Mayer schon seit 2017. Seit dem Beginn der Full-Scale-Invasion im Februar 2022 bereist er im monatlichen Rhythmus die Ukraine und berichtet regelmäßig für unsere Redaktion über die Folgen des russischen Angriffskriegs. Für seine Fotos und Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im ibidem-Verlag erscheint zum Jahrestag der Vollinvasion sein neuer Reportagenband "Widerstand - Freiheitskampf der Ukraine". Im gleichen Verlag erschien 2024 "Europas Front - Krieg in der Ukraine".