Wer durch die Fußgängerzone am Unteren Bürglaß läuft und sich für die Geschichte von Coburg interessiert, bleibt vermutlich staunend minutenlang am Haus mit der Nr. 6 stehen. Dort ist im Schaufenster anschaulich mit vielen historischen Bildern die Geschichte des Hauses beschrieben. Es ist die Geschichte der letzten reinen Lebkuchenmanufaktur in der Vestestadt.

Der Schriftzug J. G. Dorn ist noch gut erhalten. Durch das Engagement des Coburger Design Forum CDO wird die Erinnerung an die aufregenden Zeiten des Hauses wieder lebendig. Logischerweise sind wir als Stadtmagazin immer noch ein wenig neugieriger und stellen uns die Frage: Wer wohnt noch in diesem Haus, schließlich steht der Name Dorn noch auf dem Klingelschild. 

Einige Tage später sitzen wir am Tisch von Walter Dorn. Fast zwei Stunden nimmt sich der Senior für uns und für die Geschichte seiner Vorfahren Zeit, die unwillkürlich mit der Historie der Lebkuchenfabrikation zusammenhängt. Bei seinen Erinnerungen erzählt der 98jährige von seinen Erlebnissen und bringt zielsicher Namen, Ereignisse und bekannte Coburger Orte ins Spiel, die wir als Coburger in den 50ern noch nie vorher gehört haben. Dies gilt vor allem für Namen und Geschäfte die schon lange nicht mehr existieren. Wer denkt, dass er fit in Coburger Geschichte ist, bleibt vermutlich oft staunend zurück. 

Wir könnten stundenlang diesem Mann bei seinen Ausführungen zuhören, der immer eine schöne Anekdote bereithält. Für uns ist es ein wenig so, als wenn er an einem Glücksrad mit zehn Feldern dreht, dass jeweils für ein Jahrzehnt steht. Wenn das Rad stehen bleibt, weiß man nicht genau, in welchem Jahrzehnt der letzten 100 Jahre man gerade herauskommt.

Es scheint, als würde Walter Dorn schon ewig leben, wenn er davon spricht, wie er vor 40 Jahren erst erfahren hat, dass sich vor dem "Resi", eine Druckerei mit Papierwarengroßhandel in der Judengasse 2 befand. Wohlgemerkt wurde das "Resi", das Residenzcafé bereits 1912 eröffnet. Vor 40 Jahren konnte er immerhin auf bewegte 58 Lebensjahre zurückblicken. Bereits vor 98 Jahren kam er als Sohn des Lebküchlers Albert Dorn in deren Haus im Unteren Bürglaß 6 zur Welt. Dort befand sich auch die Lebküchlerei, in welcher von September bis Dezember Hochsaison herrschte. Als Walter dort aufwuchs, half noch ein Geselle mit, der aus Bad Berneck stammte - und ein Dienstmädchen gab es auch. Sie waren wie eine Familie und wohnten mit im Haus. Ansonsten bestritten seine Eltern ihr Einkommen noch mit einem Süßwarengroß- und Einzelhandel. 
Einfallsreich vermarkteten sie Schokolade zusätzlich in einem gusseisernen und prächtig verzierten Schokoladen-Automaten der Firma Stollwerck neben der Tür. Mit opulenten Knusperhäuschen, gefertigt aus echten Waren, nahmen sie an Festumzügen teil. Die Zuschauer brachen bei dieser Gelegenheit nur zu gerne ein Stück Lebkuchen heraus oder aßen eine der köstlichen Pfeffernüsse, die sie vom Pferdegeschirr stibitzt hatten. Damals verstand man es noch, die Massen zu begeistern. Entsprechend besucht wurde der Festumzug zur Regierungsübernahme des aus England stammenden Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha mit seiner Volljährigkeit im Alter von 21 Jahren in 1905. Ebenso zahlreich erschienen die Zuschauer am 7. September 1924 zum Festumzug anlässlich des Abschlusses der jahrelangen Umbauarbeiten der Veste Coburg, ruhte doch der Bau im ersten Weltkrieg.
1907 konnten die Dorns sogar einen "Mars" anschaffen und unterhalten, mit dem sie über Land fuhren und bis Südthüringen auslieferten. Seinerzeit gab es nur 36 Autos im gesamten Herrschaftsgebiet. Davon zeugt das Kennzeichen des Mars aus dem Herzogtum Coburg-Gotha "CG 36". Laut dem 98-jährigen meldete kurz danach der russische Großfürst Kyrill aus dem gleichnamigen Palais im Oberen Bürglaß 2 seinen Luxuswagen an und bekam das Kennzeichen "CG 37". Er weiß auch, dass der Herzog damals nicht das Kennzeichen mit der Nummer 1 innehatte. In dem Palais ist heute ein Kindergarten. Es befindet sich beim inzwischen abgebrochenen Bürglaßtor und der noch bestehenden steinernen Brücke über die Allee.
Der Süßwarengroßhandel bezog seine Ware von damals namhaften Herstellern wie MAUXION aus Saalfeld oder Hartwig & Vogel aus Sachsen mit seiner bekanntesten Schokolade, dem "Tell Apfel". Bei den selbst hergestellten Lebkuchen wurde unterschieden zwischen braunen, weißen, stark gewürzten, Elisen, feinen und ordinären Nürnbergern. Für Pfeffernüsse wurden weihnachtliche Gewürze (allgemein Pfeffer genannt) hinzugegeben und der Teig geformt wie eine Nuss.
Als in Coburg noch mit Gulden und Kreuzern bezahlt wurde, also vor 1871, heiratete der aus Nürnberg stammende Lebküchler Johann Georg Dorn in die Heller'sche Lebküchlerei im Unteren Bürglaß 6. Er war der letzte Obermeister der Coburger Zunft. Auswahl und Qualität seiner Ware sprachen sich auch bei Hofe herum, so dass Prinzgemahl Albert wiederholt Lebkuchen aus dem Hause Dorn für den königlichen Weihnachtstisch auf Schloss Windsor bestellte.

Jener Urgroßvater prägte damals in sogenannten Models (hölzerne Formen) optisch ansprechende Bildwaren. Das sind flache Figuren aus Lebkuchenteig, beispielsweise Eisenbahnlebkuchen oder Lebkuchenreiter, die so aussahen wie der Zinnguss, den Walter Dorn in den Händen hält. Er besitzt noch zahlreiche dieser Models und zeigt einige bereitwillig vor dem Schaufenster der ehemaligen Lebküchlerei. 

Später verfeinerte Georg die Nürnberger Gewürzplätzchen seines Vaters Johann Georg und rief damit "Dorn's Coburger Schmätzle" ins Leben. Mit seinen Produkten war er seinerzeit auf Ausstellungen in Berlin, Göttingen und Brüssel vertreten. Dort wurden sie mit Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gewürdigt. Der heute 98jährige hat seinen Großvater Georg noch selbst bei der Herstellung von weißen Lebkuchen erlebt.

Nun denkt er zurück an die Zeit, als seine Eltern Albert und Lydia am Coburger Markt an der Ecke, im Stadthaus, eine Filiale betrieben. Sie haben nicht nur ihre Lebkuchen feil geboten, sondern auch Süßigkeiten, Lebensmittel und mehr. Wie seine Mutti erzählte, genehmigten sich da auch gut betuchte Coburgerinnen gerne 'mal ein Gläschen. Heute befindet sich dort eine Lottoannahmestelle, beschreibt er. "Von den alten Geschäften in der Spitalgasse ist eigentlich nur noch die Stadtapotheke, der Juwelier Stahl und Willemer & Prause übrig", rekapituliert der Rentner.

Wir wollen wissen, wie er den Unteren Bürglaß aus früheren Jahren in Erinnerung hat, weil doch die Motive der historischen Bilder so belebt und prächtig aussehen. "Früher gab es dort den Bäcker Sommer. Die Bäcker Zech, Bernhard und Puff befanden sich im Steinweg und Pensel, auch eine Lebküchlerei, in der kleinen Rosengasse. Ein Haarschnitt beim Friseur Bäumlein im Steinweg kostete 40 Pfennig und im Steinweg war ebenso der Buch- und Schreibwarenhandel Zirkel, die Fleischerei Schlick, das Café Weiler und das Kaffee Geimecke, in dem mein Onkel seine Frau kennenlernte" gibt er zu verstehen. Auf unsere Nachfrage, wann er dies zeitlich einordnet, gibt er die 1930er und 1940er Jahre an. Kaum ein Coburger wird die Hofkonditorei und Kaffeehaus Geimecke noch kennen. In deren Räumen befand sich danach das Café Renner und heute nutzt sie die Neue Presse.

Ebenso verschwand mit der Zeit im Jahre 1975 auch die altehrwürdige Lebküchlerei nach 260jähriger Tradition. Der zweite Weltkrieg sorgte dafür, dass seit 1938 keine Lebkuchen mehr gebacken wurden. Nach dem Krieg betrieben Albert und Lydia Dorn den Süßwarenverkauf als Groß- und Einzelhandel, bis sie 1975 über 70 Jahre alt waren und in Ruhestand gingen. 16 Jahre später verstarb Albert Dorn im Alter von 91 Jahren.

Walter, sein Sohn, ging andere Wege, widmete sich der Musik und legte in Bayreuth die Orgelprüfung ab. Unter anderem ist er geprüfter Stenotypist. Gearbeitet hat er als Kaufmann und begann seine Karriere bei VEDES in der Badergasse, die beispielsweise Spielwaren aus Sonneberg einkauften. Später arbeitete er viele Jahre im Ihl Verlag in Dörfles-Esbach. Erst vor fünf Jahren hat er das Autofahren aufgegeben und den Opel Rekord, Baujahr 1974, den er von seinem Vater übernommen hat, erfolgreich verkauft.